Verliebte Täuschung

Susanne lebt in einer großen Stadt. Täglich besucht sie zur Mittagszeit ein kleines Café in einer unbelebten Seitenstraße. Seit ungefähr einer Woche taucht dort regelmäßig Manfred auf und setzt sich an einen Tisch neben ihr. Verstohlen blickt Susanne zu Manfred und verliebt sich Hals über Kopf in den jungen Mann. Dieser sieht unablässig in ihre Richtung. Bahnt sich da etwas an? Hat er ebenfalls Gefallen an der liebreizenden Deutschlehrerin gefunden? Sie ist fest überzeugt davon und legt sich einen grammatikalisch einwandfreien Satz zurecht, mit dem sie ihn ansprechen möchte. Wenn Susanne doch nur wüsste, dass Manfred Botaniker ist und mit Expertenblick die Topfpflanze auf dem Fensterbrett inspiziert. Der Herr liebt Grüngewächse und würdigt Susanne keines Blickes. Welch ein Ende mag diese verliebte Täuschung wohl nehmen? 🙂

Manfred betrachtet die Pflanze, während Susanne ihren Sitznachbarn anhimmelt

©mauswohn

Bild: Edward Hopper

Thelonious Monk Tasse – hier erhältlich

9 Gedanken zu “Verliebte Täuschung

  1. „Sie ist einfach unglaublich schön“, denkt er. „Wie sie ihr Dasein fristet, voller Anmut und Schlichtheit zugleich.“ Er seufzte einmal tief und nahm einen Schluck Kaffee.
    Auf der Straße war es ruhig, die Zeit schien wie angehalten, kein Mensch der vorüber ging, kein Auto das fuhr. Wie eine ausgeschnittene Szene eines erfundenen Romans, dachte er. Und: Wer und was ist eigentlich real?
    Er verlor sich in diesen Gedanken, während seine Sitznachbarin unablässig zu ihm herüber schaute. Davon bemerkte er nichts, zu sehr versunken war er, in seine Gedanken. Sie räusperte sich, um zu schauen, ob er schaute, doch er schien zwar dort zu sitzen, aber gleichzeitig ganz woanders zu sein. Dann wieder, während sie auf die Tischplatte starrte, hatte sie dauernd das Gefühl, als schaute er herüber zu ihr. Vielleicht war er schüchtern? dachte sie. Und wenn, was dann? Sollte ich ihn ansprechen?“

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    1. Wunderbare Gedankengänge, die sich da vollziehen. Möglicherweise findet die Geschichte schließlich diesen Fortgang:
      Nach einer Weile fasst sich Susanne ein Herz. Sie hat sich eine grammatikalisch einwandfreie Ansprache zurechtgelegt, mit dem sie Manfreds Herz für sich gewinnen will. Entschlossen erhebt sie sich, als plötzlich der Boden unter ihren Füßen zu wackeln beginnt. Auf der Straße trampeln 13 rosa Elefanten vorüber und bringen die Umgebung zum Beben. „Nein nicht“, schreit Susanne entsetzt und fasst sich mit den Händen an den Kopf. Sie zerrt an ihrem Kleid. Sie zerrt fester und fester. Bis sie schließlich erwacht und ihr zerrissenes Nachthemd in Händen hält. Alles nur ein Traum. Alles eine Täuschung 🙂

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  2. Alternative Fortsetzung: Entsetzt starrt sie auf die 13 rosa Elefanten. Manfred aber, der ihre schmachtenden Blicke natürlich bemerkt hat, ruft ihr zu „Sie bezahlen doch für mich!“ und eilt hinaus. Der rosa Leitelefant begrüßt ihn mit einem Tröten und geht in die Knie um ihn aufsteigen zu lassen. Die anderen 12 stellen sich in eine Reihe und die Elefantenparade setzt sich in Bewegung. Manfred ist nicht nur Botaniker sondern auch Zoologe und erprobt gerade neue Möglichkeiten der Kommunikation mit Elefanten ……
    Übrigens ist ja ein weiblicher Elefant eine ElefantenKUH Nachdem die Bullen Einzelgänger sind und die Rudel aus Elefantinnen bestehen, handelt es sich hier um eine Art Almauftrieb 🙂
    Aus Hopper-Bildern kann man ja immer die tollsten Geschichten machen!!

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    1. Eine prima Fortsetzung 🙂
      Möglicherweise findet sie solch einen Fortgang:
      Als Susanne erblickt, wie Manfred schnurstracks zu den rosa Elefanten eilt und fröhlich mit den Dickhäutern kommuniziert, lodert Eifersucht in ihr auf. Zuerst hatte er nur Augen für die Pflanze, nun für die Tiere und sie bleibt schmachvoll zurück. Dies kann die junge Deutschlehrerin nicht auf sich sitzen lassen und lockt die Elefantenherde mit Hilfe von Erdnussflips in ein Porzellangeschäft. Dort trampeln die großen Tiere das teuerste Geschirr in kleine Stücke und verursachen ein einziges Chaos. Der Besitzer ist erbost und macht Manfred dafür verantwortlich, der auf dem Leitelefanten sitzt und kaum fassen kann, was er da sieht. Der Botaniker ist Pleite und kann nicht bezahlen, wird kurz darauf von der Polizei abgeführt. Susanne bleibt mit einem diebischen Lächeln zurück, freundet sich mit den Elefanten an und befindet, dass eine tierische Freundschaft mehr Wert ist als ein untreuer Geliebter 🙂

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  3. An so einem Depp, der tagelang so eine einfache Grünpflanze studiert oder anstiert – an dem hat sie nichts verloren. – Und er auch nicht an ihr, denn ihr müsste doch auffallen, dass er vollkommen unempfänglich für evtl. vorhandene Reize der Deutschlehrerin mit dem grammatikalisch einwandfreien Satz. Bisschen deppert ist sie auch.
    lieben Gruß an dich

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    1. Hihi, ist ja oft so, dass einer nicht merkt, was der andere empfindet. Aber Du kannst natürlich recht haben, dass beide ein wenig deppert sind. So gesehen passen sie dann wieder wunderbar zusammen. Vielleicht wagt Susanne noch einen Annäherungsversuch, indem sie sich für einen Botanikkurs an der VHS einschreibt und dann mit ihrem Wissen zu überzeugen weiß. Oder sie wird zur Gewalttäterin und zieht ihm den Blumenkübel einfach über den Schädel 🙂
      Liebe Grüße nach Berlin 🙂

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